Wickersdorf – gestern und heute
Kleine Chronik zu Wickersdorf
Teil 1: Von der Erstbesiedlung bis zum Rittergut
Die Ortschaft Wickersdorf liegt 13 km vom Stadtzentrum Saalfeld entfernt auf der Saalfelder Höhe, in einer mittleren Höhe von 630 m. Sie wurde 2018 zur Stadt Saalfeld eingemeindet. Man fährt auf der B 281 in Richtung Neuhaus. Vom Abzweig hinter Hoheneiche erreicht man über die K 140 nach 2 km die Ortslage.
Mit Gründung des Saalfelder Benediktinerklosters im Jahr 1071 sollten die Bestrebungen zum Fortschreiten der Christianisierung auch auf der Saalfelder Höhe vorangetrieben werden. Die Mönche veranlassten dort im 12./13. Jahrhundert Rodungen und siedelten germanische oder slawische Bauern an. So entstand auch das erste Wickersdorf. Urkundliche Nachweise gibt es aber erst aus den Jahren 1435 und 1454. Zu dieser Zeit gehörte die Wickersdorfer Flur den Herren von Könitz auf Schloss Eyba. Sie veranlassten, dass die offenbar bereits wüst liegenden Wickersdorfer Grundstücke auf die Nachbarn von Volkmannsdorf übertragen wurden. Auf der heute noch gültigen Flurbezeichnung „Volkmannsdorfer Wiesen“ standen die 3 bis 4 Häuser dieses ersten Wickersdorf.
Um ihre Güter in der Wickersdorfer Flur besser bewirtschaften zu können, nutzten die Herren von Könitz ab 1567 ein Vorwerk auf dem Gelände der heutigen Lebensgemeinschaft. 1590 wurde ein massives Gutshaus errichtet, das ganzjährig bewohnbar war. Auf dem Gut wurden 25 Rinder, 125 Schafe und 6 bis 7 Pferde gehalten. Die dazu erforderlichen Arbeiten verrichteten Fronarbeiter. Diesen wurden ab 1733 gegen Erbzins in Form von Geldzins oder Naturalien und weiterhin Fronarbeit erste kleine Grundstücke überlassen, auf denen sie bauen konnten. Somit fällt der Gründungstermin des heutigen Wickersdorf erst auf das Jahr 1733.
Durch Erbteilung wurde Wickersdorf 1743 selbst Adelssitz und Rittergut der Herren von Könitz, dessen Lehnsherr der jeweilige Landesfürst von Sachsen-Coburg-Saalfeld war. Es entwickelte sich eine rege Bautätigkeit und das Gut erhielt die Brau- und Schankgerechtigkeit sowie die Jagdgerechtigkeit. An Stelle des Gutshauses entstand das Herrenhaus (heute Morgensternhaus) mit dem 3-Seit-Hof. Zu dem gehörten außerdem ein Forsthaus (heute Birkenhaus), Stallungen (heute Phönixhaus), Scheune (heute Ulmenhaus), das Brauhaus neben dem heute noch vorhandenen repräsentativen Eingangsportal sowie ein Schafstall hinter der Scheune.
Als Erwerb dienten neben der Landwirtschaft vor allem Waldwirtschaft, Bergbau und Jagdwesen. Besonders die Waldnutzung für die Eisen- und Kupferhütten im Sormitz- und Schwarzatal war ein einträgliches Geschäft. Sie wurden über Flößerei mit Brennholz für die Schmelzöfen versorgt oder schon über Fuhrwerke mit Holzkohle aus den Kohlemeilern in den Wickersdorfer Wäldern. Aber auch Schneidemühle, Ziegelei, Brauhaus, Branntwein-, Pottasche- und Pechsiederei brachten geringes Einkommen für das Gut. Die Dorfbewohner mussten neben der Fronarbeit ihren Lebensunterhalt über die kleine eigene Landwirtschaft, als Waldarbeiter, Bergleute, Tuschkastenmacher, Griffelmacher, Besenbinder, Pilz- und Beerensucher oder in einer kleinen Korkpfropfenfabrik sichern.
Ab Mitte des 19. Jh. geriet das Rittergut jedoch in Schieflage, da die Wälder durch Raubbau erschöpft waren. Bergbau und Kleinbetriebe brachten auch nicht die erforderliche wirtschaftliche Sicherheit. Hermann Adolf Friedrich von Könitz versuchte deshalb im Jahr 1850, die Regierung des Herzogtums Sachsen-Meiningen zum Kauf zu bewegen oder den Lehnsverband aufzulösen, damit das Gut verkauft werden könnte. Das gelang schließlich 1856, als Hermann den zahlungskräftigen Rittergutsbesitzer Friedrich Wilhelm Hertwig aus Reinharz in Sachsen als Käufer fand. Dieser wollte Wickersdorf zu einem Mustergut ausbauen. Die Bewirtschaftung des Gutes überließ er einem Pächter und veranlasste das Anlegen von schönen Waldwegen, Aussichtspunkten, Waldhäuschen und Gedenkbäumen. Die „Herzogsbuche“ am unteren Fußpfad zum Steinberg erinnert heute noch daran. Nachdem 1872 der Sachsen-Meiningische Lehnsverband aufgehoben worden war, hatten die Söhne Hertwigs kein weiteres Interesse am Gut und verkauften es 1887 an den Sachsen-Meiningischen Staat. Als Domänengut wurde es nun recht und schlecht bewirtschaftet, die Gebäude verfielen zusehends.
Das Dorf bestand zu dieser Zeit bereits aus etwa 20 Häusern. Obwohl man als Einzelner direkt dem Gutsherrn untergeben war und darunter zum Teil leiden musste, hielten die Wickersdorfer die Gründung einer Gemeindeverwaltung lange Zeit für überflüssig. Man habe ja keinen eigenen Grund und Boden und werde ja ohnehin nach außen durch den Gutsherrn vertreten. Eine bereits seit 1811 bestehende Dorfordnung sollte ausreichend sein. Darin waren – vor allem im Interesse des Gutsherrn – die Pflichten der Bewohner und die bei Verstößen fälligen Strafen geregelt. Erst nach mehrmaligem Drängen durch Vertreter der Regierung gab man sich endlich 1841 eine Gemeindeverfassung und wählte einen Schultheiß.
Auch der Errichtung einer Dorfschule standen die Wickersdorfer mit Widerwillen entgegen. Seit Ende des 16. Jh. war der Schulverband der Saalfelder Höhendörfer als Anhängsel der Kirche in Hoheneiche für die (Grund-)Schulbildung zuständig. Die Kinder wurden ohnehin nur in die Schule geschickt, wenn es die häuslichen Verpflichtungen erlaubten. Einige Höhendörfer hatten sich bereits Anfang des 19. Jh. aus diesem Schulverband gelöst und eigene Dorfschulen errichtet. 1877 wurde durch das Herzogtum Sachsen-Meiningen die Trennung von Schule und Kirche und die Errichtung von Dorfschulen für jede Gemeinde verpflichtend festgelegt. Den Wickersdorfern gelang es noch bis 1885, sich dieser Verpflichtung zu widersetzen. Der Schulbetrieb wurde zunächst im Wirtshaus begonnen, bis schließlich 1886 ein kleines Schulgebäude gegenüber dem Gutsgelände fertiggestellt war.
Text: Dr. Ulrich Knopf, Ortschronist Wickersdorf
In Leichter Sprache
Die Geschichte von Wickersdorf
Wickersdorf ist ein kleiner Ort in Thüringen.
Er liegt 13 Kilometer von der Stadt Saalfeld entfernt.
Der Ort liegt hoch oben auf einem Berg-Rücken: der Saalfelder Höhe.
Seit dem Jahr 2018 gehört Wickersdorf zur Stadt Saalfeld.
Die Geschichte von Wickersdorf ist sehr alt.
Vor ungefähr 800 Jahren rodeten Mönche hier den Wald.
Roden bedeutet: Bäume fällen, damit man Felder anlegen kann.
Dann siedelten die Mönche Bauern hier an.
So entstand das erste Wickersdorf.
Es hatte nur 3 oder 4 Häuser.
Später wohnte dort aber niemand mehr.
Das Land gehörte damals einer Adels-Familie: den Herren von Könitz.
Ab dem Jahr 1567 hatten sie hier einen Bauern-Hof.
Im Jahr 1590 bauten sie ein festes Guts-Haus.
Auf dem Gut gab es 25 Rinder, 125 Schafe und einige Pferde.
Die Bewohner mussten für den Guts-Herrn arbeiten.
Diese Pflicht-Arbeit nannte man Fron-Arbeit.
Ab dem Jahr 1733 bekamen die Arbeiter kleine Grundstücke.
Darauf durften sie eigene Häuser bauen.
Deshalb gilt das Jahr 1733 als Gründungs-Jahr vom heutigen Wickersdorf.
Ab dem Jahr 1743 war Wickersdorf ein Ritter-Gut.
Es wurde viel gebaut.
Viele Gebäude von damals stehen heute noch.
- Aus dem Herren-Haus wurde das Morgenstern-Haus.
- Aus den Ställen wurde das Phönix-Haus.
- Aus der Scheune wurde das Ulmen-Haus.
- Und aus dem Forst-Haus wurde das Birken-Haus.
Auch das schöne Eingangs-Tor gibt es heute noch.
Das Gut verdiente sein Geld mit Land-Wirtschaft, Wald, Berg-Bau und Jagd.
Besonders das Holz aus den Wäldern brachte viel Geld.
Das Holz wurde an die Eisen-Hütten in der Nähe verkauft.
Die Dorf-Bewohner waren arm.
Sie arbeiteten zum Beispiel als Wald-Arbeiter oder Berg-Leute.
Manche sammelten auch Pilze und Beeren oder machten Besen.
Später wurden zu viele Bäume gefällt.
Deshalb bekam das Gut Geld-Probleme.
Im Jahr 1856 wurde das Gut verkauft.
Der neue Besitzer ließ schöne Wald-Wege und Aussichts-Punkte anlegen.
Ein besonderer Baum aus dieser Zeit steht heute noch: die Herzogs-Buche.
Im Jahr 1887 kaufte der Staat das Gut.
Danach verfielen die Gebäude immer mehr.
Das Dorf hatte damals ungefähr 20 Häuser.
Erst im Jahr 1841 bekam Wickersdorf eine eigene Gemeinde-Verwaltung.
Im Jahr 1885 begann der Schul-Unterricht: zuerst im Wirts-Haus.
Ein Jahr später bekam das Dorf ein eigenes kleines Schul-Haus.
